Direkt zum Inhalt

Die Geschichte des Kopernikus-Gymnasiums

Posted in
DruckversionPer E-Mail sendenPDF-Version

Die Geschichte des Kopernikus-Gymnasiums beginnt bereits im Jahr 1861 – zu einem Zeitpunkt, an dem man die heutige Stadt Wissen getrost noch ein Dorf nennen durfte, in welchem ca. 1500 Einwohner lebten. Damals war das Kopernikus-Gymnasium aber weder ein Gymnasium noch trug es den Namen von Nikolaus Kopernikus, sondern eine sogenannte „private höhere Schule“. Diese entstand auf Initiative einiger Bürger aus der Region, die jungen Menschen eine Bildung über die damals gerade verpflichtend gewordene Volksschule hinaus bieten wollten, dabei aber nicht nur Kindern und Jugendlichen aus wohlhabenden Familien, sondern möglichst vielen.

 
Ein erster Versuch (1861-1919)
 
Der Anfang war beschwerlich, denn die finanziellen Möglichkeiten der Schule und der privaten Initiatoren waren beschränkt. Nur so kann man heute noch erklären, dass die Schule in den ersten Jahren in einem Nebengebäude des heutigen Friedheims, einige Jahre später dann in einem eigentlich abbruchreifen Haus (an der Ecke Kreuztal/Schulstraße gelegen) untergebracht war. Trotzdem war die Schule ein Erfolg, gingen doch bereits zwei Jahre nach Gründung über 70 Kinder dort zum Unterricht – gemessen an der Einwohnerzahl der Region und der damaligen Lebensumstände ein sehr beachtlicher Wert. Dies bemerkte auch die Gemeindevertretung, die 1863 die private Schule übernahm und die Errichtung eines Schulgebäudes beschloss. Auch wurde festgelegt, dass Kinder aus evangelischen Familien, die damals eine klare Minderheit in der Region waren, die Schule besuchen durften, was selten erlaubt wurde. Die Leitung der Schule, die auch die erste kommunale Schule im gesamten Kreis Altenkirchen war, hatte ein katholischer Geistlicher.
 
Diese Schule hat dann aber keinen langen Bestand. Ursache waren Probleme, die auch recht bekannt sind: Lehrermangel und finanzielle Probleme. Kaum ein Lehrer wollte in den damals nur schwer erreichbaren Westerwald und wenn einmal ein Lehrer gewonnen war, so blieb er nur relativ kurze Zeit. Die zudem immer weiter steigenden Kosten, welche die Schule verursachte, waren kaum zu decken, so dass die Gemeinde Wissen 1878 beschloss, die Schule nicht mehr weiterzuführen und im Schulgebäude das Amtsgericht unterzubringen.
 
Bis 1886 gab es nur noch die Volksschule in Wissen, dann wurde ein zweiter Versuch einer privaten höheren Schule unternommen, der jedoch von öffentlicher Seite überhaupt keine Unterstützung erhielt und unter geradezu jämmerlichen Verhältnissen durchgeführt wurde. Die Schule selbst war von ihrer Neugründung 1886 bis 1920 in einem Kaffeelokal untergebracht, wo man gerade einmal zwei Räume für den Unterricht zur Verfügung hatte. Während in Betzdorf 1901 eine höhere Schule gegründet wurde, welche 1904 die Gemeinde Betzdorf in ein vollwertiges Gymnasium umwandelte und so das Schulwesen dort volle Unterstützung erhielt, konnte in Wissen nur hoher Idealismus der Schüler, Eltern und Lehrer den Lehrbetrieb trotz Geldmangels und Fehlens jeglicher Lehrmittel aufrecht erhalten.
 
Wissen bekommt ein Gymnasium (1919-1951)
 
Mit dem Wissener Bürgermeister Stein, der erkannte, dass ein Gymnasium in Wissen nicht nur für die sich entwickelnde Stadt, sondern für das gesamte Umland von Bedeutung sein würde, wurde der Unterhalt der Stadt für ein Gymnasium in Trägerschaft der Gemeinde Wissen gesichert. Dazu bekam die Schule auch wieder ein eigenes Schulgebäude, welches in der Mittelstraße stand. Das Gymnasium hatte nun auch direkt Erfolg, wenn man die Schüleranzahl als Maß nimmt: Zählte man im Jahr der Neugründung 40 Schüler, so waren es schon fünf Jahre später 150. Und schon stand man wieder vor Raumnot – und die Lösung dieses Problems ist auch heutigen Schüler sehr bekannt: man stellte eine Schulbaracke auf.
 
Die Stadt Wissen wollte das Gymnasium auf eine damals als Progymnasium bekannte höhere Stufe bringen, eine Schulform, die nicht von einer Stadt oder Gemeinde getragen wurde, sondern von der Regierung. Diese bestand aber auf geeigneten Räumlichkeiten, außerdem war ihr die Koedukation, also der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen, ein Dorn im Auge. Diese Probleme konnte die Stadt Wissen erst 1928 lösen, als beschlossen wurde, ein neues Schulgebäude zu errichten und das Gymnasium in ein Realprogymnasium , welches nach dem Besuch der Volksschule besucht werden konnte, umzuwandeln. Die Mädchen, so beschloss man, sollten in einer selbstständigen Mädchenschule, aber auf Mittelschulniveau, gleichzusetzen mit der heutigen Realschule, unterrichtet werden. Als Schulgelände für das neue Realprogymnasium wurde Bauland auf dem Löh zur Verfügung gestellt, wo das neue Schulgebäude bereits 1929 eingeweiht werden konnte. Erster Schulleiter des Realprogymnasiums wurde Dr. Müller als Studiendirektor, einziger Studienrat wurde zur Einweihung Dr. Holschbach, der bereits in der privaten höheren Schule als Studienassessor tätig war und über dreißig Jahre in Wissen als Lehrer unterrichten sollte. Um den steigenden Schülerzahlen Rechnung zu zollen, schrieb man weitere Stellen für Studienräte aus und auch die Ausstattung der Schule wurde auf ein hohes Niveau gebracht. Für die damalige Zeit muss man sie sogar fortschrittlich nennen, denn es wurde neben Räumen für die Naturwissenschaften auch eine Turnhalle und sogar eine Aula errichtet. Die Schule blühte auf.
 
1935 endete die Blüte, denn den Nationalsozialisten war eine Schule christlicher Prägung nicht genehm und die nationalsozialistische Amtsversammlung erklärte die Unterhaltskosten für nicht mehr tragbar, worauf hin das Realprogymnasium zum Ende des Schuljahres 1936 geschlossen wurde. Die Mädchenschule blieb übrigens bestehen, während auf dem Löh die Kreisberufsschule einzog. Den Jungen musste man natürlich weiterhin Unterricht anbieten, so dass sie auch die Mittelschule bei den Mädchen besuchten. Der Unterricht endete 1945, als der Krieg auch das Wisserland erreichte und kein regulärer Unterricht mehr möglich war.
 
Nach Kriegsende wurde auf der Löh das Gymnasium als „Realgymnasium“ wieder eröffnet und von Mädchen und Jungen besucht. Dies bedeutete, dass der Unterricht bereits in Klasse 5 begonnen werden konnte, somit das Gymnasium eine „Vollanstalt“ wurde, was es bis heute ist. Der 1935 von den Nationalsozialisten abgesetzte Schulleiter Dr. Müller kehrte zurück und übernahm die Leitung bis zu seiner Pensionierung 1951.
 
Über die Sieg (1951-1972)
 
Nachfolger von Dr. Müller wurde mit Beginn des Schuljahres 1952 Oberstudiendirektor Dr. Kämpchen, der aus Boppard kommend seinen Dienst in Wissen antrat und sich direkt daran machte, die schon wieder auftretende Raumnot zu bekämpfen. Er wehrte sich hartnäckig gegen Schulbaracken und setzte einen Anbau an das bestehende Schulgebäude auf dem Löh durch, der 1957 bezogen werden konnte. Unter der Leitung von Dr. Kämpchen wurde die Schule auch „innerlich“ ausgebaut, denn er führte die Schülermitverwaltung ein und sorgte für Büchereien und naturwissenschaftliche Sammlungen. Seine acht Jahre als Schulleiter endeten, als er wieder nach Boppard berufen wurde. Dies geschah anscheinend sehr plötzlich, denn die Stelle des Schulleiters war über ein Jahr unbesetzt, bis zum April 1961 Oberstudiendirektor Josef Twieg ernannt werden konnte.
 
Dem Lehrermangel begegnete Schulleiter Twieg mit heute geradezu unorthodoxen Methoden - u.a. setzte er sich regelmäßig mit einem Lehrer des Kollegiums ins Auto und fuhr zu den Studienseminaren des Landes, um für das Wissener Gymnasium zu werben und Referendare nach ihrem Abschluss in den Westerwald zu locken. Zudem hatte er die Raumnot des Gymnasiums als größtes Problem zu bewältigen, was behelfsmäßig durch Schulbaracken geschah. Unter der Leitung von Josef Twieg wurde der nächste große Entwicklungsschritt eingeleitet, denn im März 1967 beschloss der Kreistag den Bau eines neuen Schulgebäudes an neuer Stelle – in der Pirzenthaler Straße, wo das Gymnasium auch heute steht. Im September 1971, über vier Jahre nach der Beschlussfassung, konnte der Grundstein gelegt werden.
 
Der Weg bis zur Grundsteinlegung war nicht einfach – eigentlich war ein ganz anderes Grundstück, gelegen „Am Blee“, zur Bebauung vorgesehen. Dieses Gelände gehörte der katholischen Kirchengemeinde, welches der Landkreis Altenkirchen über Tausch erwerben sollte. Die Kirche war direkt einverstanden, das Kultusministerium stimmte der Idee bedingungslos zu, doch nach dem Tausch entzog zum Befremden der Stadt Wissen, seiner Bürger und auch zur Verärgerung des Kultusministeriums der Landkreis Altenkirchen das Gelände seiner eigentlichen Bestimmung, ohne eine Alternative für den Neubau anzubieten.
 
Aus heutiger Sicht muss man wohl von Glück im Unglück sprechen, dass der Landkreis so falsch spielte, denn in der ursprünglichen Planung sah die Finanzierung des Landes nur einen Neubau mit 15 Klassen vor – größer als das Gebäude auf dem Löh, aber viel kleiner als der heutige Bau. Die Verzögerung und die so entstehende Barackenstadt um das bestehende Schulgebäude ließ die Verantwortlichen umdenken und so eine Schule mit über 30 Klassenräumen planen. Die Gemeinde wollte das Gelände der ausgebeuteten Lehmgrube auf dem Hämmerberg als neuen Schulstandort nutzen, doch dafür hätten vorher benachbarte Häuser von der Gemeinde gekauft und abgerissen werden müssen. Auch ein Neubau auf dem Löh wurde angedacht, aufgrund des geringen Entwicklungspotenzials des Standortes wurde auch dieser Plan schnell verworfen.
 
Schließlich waren vier Möglichkeiten in der engeren Wahl, wovon einige heute durchaus als denkbar, andere als geradezu irrwitzig erscheinen: am Ortsausgang in Köttingen, am Kuckucksberg, in der Kalkschlade in Schönstein und an der Pirzenthaler Straße. Besonderns die Lage in der Kalkschlade hätte viele Möglichkeiten geboten, ein Schulzentrum stand sogar zur Debatte. Am Ende entschieden sich die Gremien jedoch für den Bau an der Pirzenthaler Straße, wozu man der Fürstlich- Hatzfeldtschen Verwaltung 25.000 Quadratmeter abkaufte. Der Kaufpreis wurde durch den Verkauf des gemeindeeigenen Hoppensteiner Waldes erwirtschaftet.
 
Die Probleme mit dem Neubau waren aber an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Zwar konnte 1968 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden, den im April 1969 das Architektenpaar Elsbeth und Konrad Schloßberger aus Andernach gewinnen konnten, doch mitten in den weiteren Planungsarbeiten wurde ein Baustop verhängt – das Gebäude, so die Begründung der verantwortlichen Stellen, würde eventuell an der falschen Stelle errichtet. Man prüfte, ob nicht doch in der Kalkschlade gebaut werden sollte. Der Baustop wurde wenige Monate später aufgehoben, doch hatten die Planer und Handwerker längst andere Arbeiten angenommen, die zuerst beendet werden mussten. So konnte der erste Spatenstich erst am 11. September 1970 erfolgen, die Grundsteinlegung wurde am 16. Juni 1971 vollzogen. Zum Schuljahresbeginn im September 1972 konnte das neue Gebäude vom Gymnasium bezogen werden.
 
Robert Winter